Tracht
Die Steiermark besitzt entsprechend ihrer landschaftlichen Gliederung derzeit über 200 verschiedene, traditionelle und erneuerte Trachten. Formen und Farben der Tracht gehen meist auf alte Überlieferungen zurück, die heute modern interpretiert und verarbeitet werden.
Das Wort Tracht stammt vom althochdeutschen „trahta“ bzw. dem mittelniederdeutschen „dracht“ und bedeutet „das, was getragen wird“. Dementsprechend können verschiedene Trachten unterschieden werden:
Die Berufstracht, Zunftstracht oder Amtstracht, welche die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Berufsgruppe zum Ausdruck brachte. Sie stammt aus dem handwerklichen und städtischen Umfeld. Die Volkstracht hatte ihren Ursprung in ländlichen Gebieten und stellte die regional typische Bekleidungsform dar. Erste bäuerlichen Trachten entstanden bereits Ende des 15. Jahrhunderts. Wichtig ist die Gliederung der Volkstrachten in Alltags- und Festtagstracht: Die Alltagstracht ist in Schnittführung und Materialwahl eher einfach gehalten, überwiegend werden Leinen- und Baumwollstoffe dafür verwendet. Bei der festlichen Tracht hingegen werden Seiden- und Wollbrokatstoffe aufwendig verarbeitet, reich verziert und geschmückt.
Auch wenn die steirischen Trachten ihre von Region zu Region typischen Unterschiede aufweisen, gleichen sie einander doch in ihren Grundzügen: Die steirischen Frauentrachten bestehen aus Leibkittel, Schürze und Hemd. Der Leibkittel ist, wie sein Name schon sagt, ein Obergewand, das aus einem „Leibl“ ohne Ärmel und einem gemusterten „Kittel“ (Rock) besteht. Beide Teile sind zu einem Kleid zusammengenäht. Dazu werden eine weiße Bluse und eine Schürze, die etwas kürzer ist als der Leibkittel, getragen. Schnitt und Farbe des Leibls sind zumeist regionsspezifisch.
Die steirische Männertracht ist bei weitem nicht so regionsspezifisch wie die Frauentracht: In den vergangenen Jahrzehnten hat sich ein Trachtenelement, der grau-grüne Rock, über weite Teile der Steiermark und darüber hinaus verbreitet. Aber auch bei den Männern gibt es eine Reihe von Trachtenformen, die Farbpalette reicht von Grau bis Braun.
Historisches zur Tracht
Das Interesse an landschaftlichen Besonderheiten in Kleidung, Brauch und Lebensweise wurde durch die Aufzeichnungen von Reisenden schon im 18. Jahrhundert bekundet. Wichtige Impulse erhielt die Wertschätzung bodenständiger Kleidung durch Erzherzog Johann: Um sein Wissen über das Leben am Land zu vertiefen, beauftragte er gezielte Bestandsaufnahmen verschiedener steirischer Landschaften. In seinen Diensten waren Maler wie Johann Lederwasch, Matthäus Loder, Karl Ruß oder Thomas Ender unterwegs, um getreue Darstellungen vom Leben der Menschen in den vorwiegend bäuerlichen Regionen der Steiermark anzufertigen. Bedeutend war zudem die beispielgebende Vorbildwirkung der Kleidung des Erzherzogs: Der grau-grüne Rock wurde durch Erzherzog Johann vom Jagdgewand zum Symbol für Schlichtheit und Heimatverbundenheit.
Ein weiterer Antrieb zur Aufwertung der Tracht kam vom Volkskundler Viktor von Geramb. Das große Verdienst des ersten Vorstands des Instituts für Volkskunde an der Universität Graz lag in seiner umfassenden Trachtenforschung. Diese mündete im zweibändigen steirischen Trachtenbuch und in der Einrichtung des Trachtensaales im Volkskundemuseum. Geramb erforschte die steirische Tracht von den Anfängen der nachweisbaren Besiedelung des Landes bis ins 20. Jahrhundert durch archäologische Funde, Bildquellen, Originalobjekte und Archivmaterial. Sein Bestreben war es, die regionalen Besonderheiten der steirischen Kleidung zu dokumentieren und auf wissenschaftlichem und volksbildnerischem Wege anschaulich weiterzugeben.
Quelle: www.volkskultur.steiermark.at, „Landeschronik der Steiermark“ von Dr. Roswitha Orac-Stipperger
Zirbenland Festtagstracht
Bei der „Zirbenland Festtagstracht“ ist das Leibl aus Wollbrokat in rot, grün, blau, schwarz oder lila, der Kittel aus schwarzem, glattem Wollstoff. Die Schürze wird aus dazupassender Seide im Streifenmuster genäht. Das Leibl hat einen runden Ausschnitt, in der Mitte des Leibls ist ein Latz mit einem Lebensbaum in goldener oder silberner Farbe. Im Lebensbaum ist der für die Gegend übliche Kreuzbund. Die Bluse hat einen runden Ausschnitt, geteilt durch eine Knopflochleiste, die rechts und links mit Smokstickerei verziert ist. Der dreiviertel lange Puffärmel hat an der Armkugel Stehfalten mit Zierfalten und schließt mit Biesen ab. Am Abschluss des Ärmels ist entweder ein Bünderl oder eine Klöppelspitze.
Zirbenland Alltagstracht
Das Leibl der „Zirbenland Alltagstracht“ ist aus einfärbigem Leinen in den Farben grün, lila, blau, rot, dunkelrot oder schwarz. Der Ausschnitt ist herzförmig, der Kreuzbund aus dem Schürzenstoff gearbeitet. Der dazupassende Kittel wird aus harmonisch dazupassendem gemustertem Baumwollstoff gefertigt. Die Schürze im Streif ist blau, lila, grau oder schwarz. Die Bluse hat einen runden Ausschnitt, geteilt durch eine Knopflochleiste, die rechts und links mit Smokstickerei verziert ist. Der Puffärmel hat an der Armkugel Stehfalten mit Zierfalten und schließt mit Biesen ab.
Obdacher Sonntagstracht
Das so genannte „Obdacher Gewand“ ist dem Sonntagsgewand einer Müllerstochter nachempfunden. Es wurde durch Viktor von Geramb wieder belebt. Als Stoff des Leibkittels werden Wollstoff oder Wollbrokat in satten dunklen Farben verwendet. Die Schürze ist schwarz, meist in sich gestreift. Gut erkennbar ist das Dirndl anhand der typischen gezogenen Stellen des Kittels über der Schürze.
Judenburger Bürgerinnentracht
Die „Judenburger Bürgerinnentracht“ ist eine Sonntags- und Festtagstracht, die für das gesamte obere Murgebiet, besonders aber im Umkreis von Judenburg bedeutend ist. Sie wurde anhand von Originalstücken aus den 1830er Jahren sowie durch bildliche Darstellungen erneuert. Aufgrund der überlieferten Goldbortenzier kann man dieses Dirndl als Bürgerinnentracht zuordnen. Verwendet werden reiner Seidenbrokat oder Seidenbrokat mit Wollstoff gemischt in den Farben braun, schwarz dunkelrot oder grün. Die Schürze ist in schwarz, blau, grau, braun, violett oder lila gehalten.
St. Anna-Lavantegger Sonntagstracht
Gefertigt wird die wadenlange „Lavantegger Sonntagstracht“ aus Wollbrokat oder Wollstoff, es ist aber auch Seide oder Seidenbrokat möglich. An Farben sind alle Rottöne bis violett außer rosa und alle Grüntöne sowie braun möglich. Der Kittel ist schwarz und glatt, die gestreifte Schürze ist silbergrau oder anthrazitfarben. Die Bluse mit rundem Halsausschnitt ist eine einfache weiße Dirndlbluse mit dreiviertellangen oder langen Ärmeln.












