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Zwichtelwunderstunden

Zwichtelkinder brauchen nicht zur Schule zu gehen! Schule, dieses Wort kennen sie gar nicht. Das heißt aber nicht, dass sie deshalb nichts lernen. Ganz im Gegenteil, Zwichtelkinder lernen immerfort und am allermeisten während der Zwichtelwunderstunden. Auf die freuen sie sich jeden Tag ganz besonders, denn es gibt so viel in ihrer Zwichtelwelt, worüber man sich immer wieder aufs Neue wundern kann.

Da kann es sein, dass eine ganze Horde von Zwichtelkindern ganz still und gespannt an einer Ameisenstraße sitzt und beobachtet, wie die vielen fleißigen Ameisen stundenlang und ohne Pause Baumaterial zu ihrem riesengroßen Ameisenhaufen schleppen. Sie schauen ihnen zu, wie schnell sie es schaffen, ihre Eier in Sicherheit zu bringen, wenn sie sich bedroht fühlen und was sie alles Essbares finden und in ihren Bau tragen. Großvater Schurl oder einer der anderen weisen Zwichtel sitzt bei ihnen und beantwortet ihre vielen neugierigen Fragen und erzählt ihnen, was er weiß.

Manchmal, an schönen, warmen Tagen liegen sie auch im weichen Moos und schauen in den Himmel hinauf. Sie beobachten die ziehenden Wolken und Papa Wolf erzählt ihnen vom Wind, von den verschiedenen Wolkenformen und zeigt ihnen, woran man erkennt, dass ein Gewitter heranzieht. Denn das kann auch für Zwichtelkinder eine Gefahr sein.

Sie beobachten auch die vorüber ziehenden Vögel und lernen, sie zu unterscheiden. Vor allem die kreisenden Raubvögel faszinieren sie. Und, wenn sie einen sehen, liegen sie ganz still und leise, denn sie wollen keinen Leckerbissen für herabstürzende Bussarde oder Falken abgeben. Wichtig ist es ganz ruhig zu liegen und keinen Mucks zu machen. Ein kalter Schauer läuft ihnen jedes Mal über den Rücken, wenn der Vogel zur Erde stößt. Gott sei Dank – weit weg von hier!

An einem schönen Sommertag nimmt Papa Wolf, der für sein Leben gern klettert, seine Kinder, Mitzi und Lenni, und noch einige andere Zwichtelkinder mit hinauf in eine der ganz großen Zirben. Ganz hinauf bis zum Wipfel klettern sie. Jeder setzt sich auf einen Ast und dann schaukeln sie ganz leicht im Wind und schauen hinunter ins Tal. Viel, viel Wald und Fels sehen sie und weiter unten dann wunderschöne Wiesen und weit in der Ferne auch einige Dörfer und Städte. Papa Wolf erzählt ihnen von den Menschen und ihren Eigenheiten – dass sie in „Häusern“ und „Wohnungen“ wohnen und sich dann auf ziemlich engen Raum in Dörfern und Städten zusammensammeln. Er erklärt ihnen, dass die Orte im Tal da Weißkirchen oder Zeltweg, Obdach oder Knittelfeld heißen. Die Zwichtelkinder wundern sich über die Lebensgewohnheiten der Menschen und insgeheim sind sie sehr froh, dass sie hier oben am Berg leben dürfen, nicht in ein Schulhaus gehen müssen und dass jede Familie eine eigene Zirbe bewohnen darf.

Und genau so eine Zirbe will Papa Wolf ihnen nun ganz genau zeigen. Sie streichen über die weichen Zirbennadeln und zählen, wie viele Nadeln sich da immer zu einem Büschel zusammengefunden haben. Und so viele Büscheln sie auch zählen: es sind immer fünf! „Komisch,“ sagt Lenni „Da unten am Boden wächst eine ganz andere Zirbe! Da sind es gar nicht immer fünf!“ Schnell wie der Blitz klettert er den Baum hinunter und kommt ganz außer Atem mit einem ganzen Bündel Nadeln wieder. Alle Zwichtelkinder untersuchen diese Nadeln ganz genau. „Die sind ja ganz kurz und dick und außerdem sind da auch immer nur zwei zusammen!“ ruft Mitzi.
Papa Wolf erklärt ihnen nun, dass diese Nadeln auch von einem anderen Baum kommen, der sich Latsche nennt und die Zwichtelkinder schauen zu Boden und merken, dass die Latsche ja sowieso ganz anders aussieht. Sie wächst ja auch ganz flach am Boden dahin und kuschelt sich an die Steine, damit sie der Wind nicht fort bläst. Die Zirbe aber wächst in den Himmel hinauf und hält sich mit ihren Wurzeln tief im Boden fest. Nur manche – die, die der Wind ganz besonders plagt – sind ein bisschen schief und auf der Wetterseite ein wenig kahler.

Und plötzlich wird der Wind auch stärker, die Zwichtelkinder müssen sich ganz fest halten und werden ganz ordentlich hin und her geblasen. „So jetzt hinunter mit euch! Aber Vorsicht! Die Rinde ist sehr rau, reißt euch nicht die Hände auf.“ Unten angekommen legen sich die Zwichtelkinder ganz erschöpft unter die Zirbe ins Moos und schauen hinauf in den Baum. Die Äste biegen sich im Wind hin und her. So ein Baum muss ganz schön viel aushalten!

Während sie so da liegen, bemerken sie, dass immer wieder verschiedene Insekten zum Stamm fliegen und in der Rinde verschwinden. Und Papa Wolf erzählt ihnen von den Larven, die hinter der Rinde heranwachsen, vom Borkenkäfer, der viel Schaden machen kann und von all den Insekten, die in der Zirbe wohnen. Die Zwichtelkinder sind sehr verwundert. „Ich habe geglaubt, in unserer Zirbe wohnen nur wir und ein paar Vögel.“ meint Lenni.
Aber Mitzi weiß schon, dass sogar andere Pflanzen auf den Zirben wohnen können. „Flechten heißen die!“ ruft sie ganz stolz. Und dann springt sie auf und ruft: „Ich glaube, Mama wartet schon auf mich. Ich hab ihr versprochen, dass ich ihr heute noch beim Zwandfilzen helfe.“
So langsam machen sich auch die anderen Zwichtelkinder auf den Heimweg, vielleicht gibt’s ja schon bald was zu essen, denn klettern und wundern macht ziemlich hungrig.

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