Lenni in Gefahr
Da sitzen also eines wunderschönen Frühlingstages neun kleine Zwichtel auf ihrem Lieblingsplatz, einem dicken Ast einer umgestürzten Zirbe, wippen so vor sich hin und unterhalten sich über dies und das. Natürlich liegt dieses gemütliche Plätzchen genau am Wanderweg auf den Zirbitz und alle warten auf die ersten vorbeischwitzenden Wanderer. Denn dann gibt es erst ein Geplapper und Gekicher, die Menschen werden von oben bis unten betrachtet und alles wird genau besprochen. Dass alle neun ihr Zwand tragen, braucht wohl gar nicht erwähnt werden, den ein bisschen „Unsichtbar-Sein“ gibt doch viel Sicherheit! Und außerdem warten alle auf die Mutprobe. Heute ist nämlich Lennis großer Tag. Heute will er wieder einmal beweisen, dass er mindestens genauso neugierig und genauso unerschrocken ist wie seine Freunde.
Sie hatten nämlich herausgefunden, dass mit jeder bestandenen Mutprobe die Wirkung des Zwands ein bisschen größer wurde. Drum sitzen auf dem Ast auch sehr unterschiedlich sichtbare Gesellen. Die kleineren sind noch fast ganz zu sehen, grad Arme oder Beine, manchmal auch Teile vom Rücken oder Bauch sind unsichtbar. Bei den größeren merkt man, dass sie schon ein bisschen älter und vielleicht auch ein bisschen mutiger sind. Die sichtbaren Teile ihrer Kleider sind viel kleiner.
Nun ist also Lenni dran. Die Aufgabe besteht darin, dass er zu einem der Wanderer laufen, an ihm hinaufklettern und in seinen Rucksack krabbeln muss. Ist er einmal dort, ist schon viel geschafft! Drinnen gilt es, sich so viele von den Dingen, die man da sieht, zu merken und: Man muss ein Beweisstück mitbringen – das ist auch das Schwierigste.
Lenni wartet also, bis einer der Wanderer möglichst nah bei ihm ist, dann springt er auf den Boden und rennt los. Er erwischt auch wirklich das Schuhband des rechten Bergschuhs, zieht sich damit auf den Schuh und hält sich am Stutzen fest. Nun muss er den Anstieg über die Hose und die Jacke schaffen. Das wäre ja alles nicht so schlimm, wenn sich dieser Mensch nicht dauernd bewegen würde. Und außerdem darf er Lenni auch keinesfalls entdecken. Bis zum Gürtel ist alles kein Problem, aber dann macht Lenni einen Fehler. Der Stoff des Anoraks ist ihm zu rutschig, und so beschließt er, sich am Wollpullover innen hochzuziehen. Er ist auch schon gut in Brusthöhe angekommen, als der Mensch plötzlich stehen bleibt. Lenni hört, ganz erschrocken, auch auf zu klettern. Und wirklich, die Hand kommt immer näher in seine Richtung! – Puh! Der Mensch kratzt sich ein wenig am Hals und nimmt dann sein Fernglas und blickt eine Weile damit in die Gegend Das war knapp!
Der Mensch geht weiter und Lenni klettert rasch höher und rutscht ganz schnell durch einen Schlitz in den Rucksack. Hier ist es aber dunkel. Als er sich an die Dunkelheit gewöhnt hat, fängt er auch schon an zu zählen: ein Apfel, eine Jausendose, ein Taschenmesser, ein Müsliriegel, ein Packerl Taschentücher, ein Stirnband, ein paar Wollhandschuhe und (Zwichtel wundern sich bei Menschen über gar nichts mehr!) eine Lupe. Lenni überlegt hin und her, er kann sich nicht entscheiden, welches Beweisstück er mitnehmen soll. Die Lupe wäre ja wirklich toll, aber viiiel zu groß und schwer. Er muss sich auch wirklich langsam beeilen, denn der Mensch geht ja schließlich weiter und das gar nicht langsam. Zwichtel haben ja schließlich viel kürzere Beine und der Weg zurück wurde immer weiter. Und die Wirkung des Zwands hält doch nur 2 Stunden! – Da entdeckt er etwas, das hat er noch nie gesehen: einen kleinen Ball. Der ist genauso groß, dass Lenni ihn mit zwei Händen gut tragen kann. Der wäre das beste Beweisstück aller Zeiten. Aber wie soll er ihn transportieren, ohne dabei entdeckt zu werden? Niemals kann er den Ball tragen, dabei klettern und noch dazu nicht entdeckt werden. Da hat er eine Idee. Irgendwie muss er ein kleines Loch in den Rucksack machen, um den Ball hinausfallen zu lassen. Plötzlich fällt ihm ein, dass er in der Früh, auf dem Weg zum Treffpunkt einen schönen spitzen Stein gefunden und in den Hosensack gesteckt hat. Den holt er jetzt schnell heraus und versucht, den Rucksackstoff aufzuritzen.
Vor lauter Arbeit hat Lenni gar nicht bemerkt, dass der Mensch stehen geblieben ist, und sich darüber wundert, dass sein Rucksack so rüttelt! „Hilfe, in meinem Rucksack bewegt es sich, da ist bestimmt eine Maus drin!“ Da blieb auch der zweite Mensch stehen und drehte sich verwundert um: „Mach dich nicht lächerlich, wie soll bitte eine Maus in deinen Rucksack kommen?“ –„Keine Ahnung, aber glaub mir, irgendetwas bewegt sich da drinnen!“ – „Na, dann lass einmal schauen!“ – Mit diesem Satz greift der Mensch ganz tief in den Rucksack und beginnt darin herumzuwühlen. – Und genau in diesem Augenblick ist Lennis Loch groß genug. Schnell steckt er den Ball durch und schlüpfte schnell hinterdrein. Das war knapp! Sekunden später hätte er sich in der großen Hand dieses Menschen wieder gefunden!
Plumps fallen beide – zuerst der Ball, dann Lenni – auf den Boden. Der Ball fällt genau auf einem Stein auf und – damit hat Lenni sicher nicht gerechnet – hüpft gleich lustig weiter, denn es ist ein Hupfball!
Lenni landet zum Glück etwas weicher auf der Erde. Schnell rappelt er sich wieder auf und rennt sofort los, denn der Hupfball hat sich schon auf den Weg talwärts gemacht! Diesen Schatz muss er auf jeden Fall bergen! Einen Hupfball haben er und seine Freunde noch nie gesehen!
Hinter sich hörte er noch eine Menschenstimme rufen: „Schau da läuft etwas kleines Oranges! Das fangen wir, komm!“ (Lenni ist ja von hinten sichtbar)
Das auch noch! Vor Lenni hüpft der Hupfball, den er unbedingt haben will und hinter ihm laufen zwei Menschen her, um ihn zu fangen! Was tun?
Da fällt ihm gerade rechtzeitig etwas ein. Schnell bremst er ab und versucht stehen zu bleiben. Dann legt er sich rasch mit dem Bauch nach oben ganz flach auf den Boden, und siehe da – es ist nichts mehr von ihm zu sehen! „Gott sei Dank macht mich das Zwand wenigstens auf einer Seite unsichtbar,“ denkt Lenni erleichtert.
Die Menschen sehen sich noch eine Weile verwundert nach dem kleinen orangen Etwas um und machen sich dann wieder auf den Weg.
Lenni setzt sich sehr, sehr erleichtert, aber auch sehr traurig auf. Zwar ist er in letzter Sekunde den Menschen entwischt, aber der Hupfball hat sich auch längst aus dem Staub gemacht. Mit hängendem Kopf macht er sich auf den Rückweg zu seinen Freunden. Was soll er ihnen nur sagen?
Während er so grübelt, achtet er nicht auf den Weg und stolpert plötzlich über etwas Rundes. Der Hupfball! Er ist an einer Wurzel hängen geblieben und erst durch Lennis Fuß kommt er wieder in Bewegung. Noch einmal beginnt eine wilde Verfolgungsjagd, aber diesmal hat Lenni Glück und der Ball prallt gegen einen großen Felsen und bleibt endlich liegen. Schnell schnappt ihn Lenni und hält ihn ganz fest. Jetzt kann er seinen Schatz zum ersten Mal in aller Ruhe betrachten. Der Ball ist blau, hat rote Streifen und glitzert auch ein wenig. Schön! Lenni ist sehr, sehr stolz auf seinen Fund!
Aber nun muss er schnell zurück zu seinen Freunden. Viel Zeit war vergangen und sie warten sicher schon gespannt auf ihn. – Aber wo ist er bloß? So weit den Berg hinunter war er noch nie gelaufen. Also fängt er an, wieder bergauf zu gehen bis er zu einer Stelle gelangt, die ihm bekannt vorkommt.
Endlich, diesen großen Stein kennt er vom Zwichtelverstecken. – Jetzt weiß er, wo er ist und läuft schnell weiter zum Baum, auf dem seine Freunde sitzen sollten.
Aber, da ist keiner mehr! Die anderen Zwichtelkinder haben sich schon auf die Suche nach ihm gemacht und Lennis bester Freund, Hanno, war sogar schon heimgelaufen, um Hilfe zu holen.
Lenni ruft laut nach seinen Freunden und setzt sich dann erschöpft ins Moos.
Schon bald kommt Papa Wolf angerannt und ist sehr erleichtert Lenni zu sehen. Auch seine Freunde kommen einer nach dem anderen von ihrer Suche zurück und bald kann Lenni stolz seine abenteuerliche Geschichte erzählen.
Bewundernd hören die Zwichtelkinder zu und reißen sich darum, einmal den wunderschönen Ball anzugreifen. Nur Papa Wolfs Miene ist ziemlich finster und Lenni macht sich schon auf eine ordentliche Strafpredigt zuhause gefasst.
Gemeinsam ziehen sie dann nachhause, denn auch die Wirkung des Zwands ist inzwischen verflogen und es ist höchste Zeit für alle Zwichtelkinder wieder in ihre Höhlen zu kommen. Den Ball hält Lenni dabei mit allen zwei Händen gut fest. An seine Aufgabe, sich die Dinge im Rucksack zu merken, denkt keiner mehr. Der Schatz, den Lenni mitgebracht hat, ist viel, viel wichtiger.












