Das Zwand
Zwichtel gibt es außer – Großvater Schurl und seiner Familie – am Zirbitz natürlich noch viel, viel mehr! Fast in jeder der älteren Zirben wohnt zumindest eine Zwichtelfamilie. Die gehört sozusagen zu einem alten Baum einfach dazu. Und nachdem Zwichtel sehr gesellige und auch sehr neugierige Wesen sind und gar nicht gerne alleine sein möchten, gibt es den ganzen Tag ein fröhliches Treiben am Berg. Schließlich muss man sich ja gegenseitig besuchen, um Neuigkeiten auszutauschen!
Früher war das ja alles kein Problem, denn Zwichtel waren so ziemlich die einzigen Zweibeiner am Zirbitz – zumindest unter der Woche. Ab und zu kam zwar ein Wanderer daher, aber das war wirklich kein Problem – husch verschwand man unter einer Wurzel. Oft ist es in der Geschichte der Zwichtel noch nicht passiert, dass einer von ihnen von einem Menschen erwischt worden wäre. Nur eine Geschichte erzählt Opa Schurl immer wieder als warnendes Beispiel:
Vor vielen Jahren war Großvater Schurl einmal mit seinem besten Freund Egon unterwegs um verschiedene Kräuter und Wurzeln für die Kleine-Wehwehchen-Medizin zu sammeln. Sie waren ganz ins Gespräch versunken und schauten immer zu Boden um keines der Kräuter zu übersehen. Und da geschah es! Plötzlich verlor Egon den Boden unter den Füßen und wusste gar nicht mehr, wie ihm geschah.
Ganz hoch wurde er an seiner Zipfelmütze gehoben und fand sich auf einer Menschenhand wieder! Als er aufschaute blickte er direkt in ein Menschengesicht! Gott sei Dank schaute es ja recht freundlich drein, aber der Schreck saß ihm tief in den Gliedern. Nun fing der Mensch auch noch an, auf ihn einzureden – kein Wort von dieser Menschensprache konnte er verstehen. Vorsichtshalber blieb Egon wie erstarrt auf der Hand sitzen und getraute sich kaum, auch nur aufzuschauen. Schurl hatte sich inzwischen längst hinter einem Stein versteckt und überlegte fieberhaft, wie er Egon helfen könnte. Vor lauter Aufregung fiel ihm aber nichts Gutes ein.
Doch auf einmal senkte der Mensch seine Hand wieder zu Boden und legte Egon vorsichtig ins Moos ab. Noch immer ganz versteinert vor Schreck blieb Egon dort liegen. Doch plötzlich sprang er auf und lief los. Schurl lief ihm nach. Hinter sich hörten sie den Menschen noch lachen – es war ja auch ein lustiger Anblick, wie die zwei da losstürmten. Egon lief und lief bis er zu einer Zwichtelschutzhöhle kam, dort krochen beide hinein und langsam, ganz langsam, erholten sie sich von ihrem Schreck. Dann stürmte Egon los und sprang in den kalten Granitzenbach, um den Menschengeruch wieder loszuwerden.
Lange noch dachten die zwei über dieses Erlebnis nach und malten sich immer wieder aus, was der Mensch alles mit ihm hätte anstellen können!
Natürlich sorgte dieses Erlebnis bei den anderen Zwichteln für genügend Gesprächsstoff. Sie erzählten es ihren Kindern als warnendes Beispiel, was passieren kann, wenn man nicht gut aufpasst!
Und Egon ärgert sich heute noch, dass ausgerechnet ihm so etwas passieren musste …
Heute ist das ein bisschen anders Vor allem an Sonntagen! Ganze Karawanen wandern da Richtung Gipfel und nicht einmal im Winter ist Ruh`, denn da kommen sie sogar mit Schiern!
Immer öfter geschieht es, das Zwichtel in ärgste Bedrängnis kommen, von Menschen gefangen werden, oder sich vor den vorbeiflitzenden Schifahrern in Sicherheit bringen müssen! Es ist ja auch nicht so, dass Menschen den Zwichteln Böses antun wollen, meistens sind sie nur furchtbar neugierig und wollen diese kleinen Wesen ganz genau betrachten, angreifen und womöglich noch mit ihnen ein wenig plaudern – aber brrrrrrrrrr. Das ist wohl das Aller-, Allerschlimmste, was einem Zwichtel in seinem langen, langen Leben passieren kann. Denn dann riecht man nach „Mensch“ und jeder andere Zwichtel weiß, dass man so ungeschickt war und sich erwischen hat lassen! – Und Zwichtel haben eine feine Nase und ein gutes Gedächtnis – das kann Jahre dauern, bis diese Unterhaltung wieder in Vergessenheit geraten ist. Und darum würden Zwichtel für Menschen am liebsten unsichtbar bleiben …
Oft machte sich Großvater Schurl in den letzten Jahren Gedanken über dieses Problem und grübelte über eine Lösung nach. Und wie das auch bei den Menschen so ist, je älter Zwichtel werden ums mehr Erfahrung und Weitblick haben sie.
Und Zwichtel haben einen Riesenvorteil, den man bei Menschen noch nicht bemerkt hat: Ab 100 entwickeln sie die Fähigkeit, ein wenig zu zaubern – eben zu zwichteln. Und je mehr man übt, umso besser kann man’s!
Für Großvater Schurl war das in den letzten 39 Jahren überhaupt nicht wichtig und so war er auch nicht besonders gut. Nur ab und zu juckte es ihn in der Nase, dann machte er irgendeinen kleinen Unsinn und lachte sich eins. Einmal klebte er einem Wanderer den Rucksack für einige Zeit am Boden fest, um ihn am Weiterwandern zu hindern. Selber saß er mit einigen Freunden hinter einem Busch, beobachtete alles und lachte sich schief und krumm. Am meisten mussten sie lachen, als Schurl den Rucksack wieder vom Boden löste, und der Wanderer ganz verdutzt am Boden saß.
Doch dieses Problem war ein viel Schwierigeres! Und so grübelte und probierte er viele, viele Möglichkeiten aus und eines Tages hatte er die Lösung: das Zwand! Denn, das Zwand (= Zwichtelband = Zirbenwichtelband) macht Zwichtel unsichtbar!
Bald schon hatte sich die Nachricht von der Erfindung des Zwands am ganzen Zirbitz verbreitet und jeder Zwichtel, ob groß oder klein, wünschte sich nichts sehnlicher, als auch so ein Zwand zu besitzen
Aber so einfach war das nicht. Opa Schurl probierte das Zwand natürlich gleich selbst aus und entdeckte bald ein paar Nachteile, die es besaß. Zum Beispiel war es sehr unangenehm, dass zwandtragende Zwichtel von anderen Zwichteln auch nicht gesehen werden konnten. – Lenni, in seinem Übermut, rannte ihn gleich einmal um. Also entschloss er sich, auf das Zwand ein leises Glöckchen zu hängen, dann konnten ihn die anderen Zwichtel zumindest hören!
Er gab es auch Papa Wolf, Mama Anna und den Zwichtelkindern auf die Hand, bei Papa Wolf und Mama Anna funktionierte es bestens, aber bei den Zwichtelkindern gab es ein Problem. Mitzi und Lenni wurden nur auf einer Seite unsichtbar – also nur vorne, oder nur am Rücken und bei den Zwillingen wirkte der Zauber überhaupt nur am Arm, auf dem sie das Zwand trugen. Wahrscheinlich waren sie noch zu klein.
Noch dazu verlor das Zwand nach ungefähr zwei Stunden wieder seine Wirkung und musste neu „aufgeladen“ werden – was bedeutet, dass es über Nacht in einem Sack mit Zirbenspänen liegen muss. Kurz und gut, die Erfindung war noch nicht ganz ausgereift, aber besser als nichts. Zwei Stunden schwitzende Wanderer beobachten, oder lästige Zirbenzapfensammler ärgern, ohne Angst vor Entdeckung haben zu müssen, das war viel wert!












