Die weiße Frau von Eppenstein
Auf der alten Feste Eppenstein hauste einst ein rauer, gewalttätiger Ritter namens Reimprecht, ein rechter Leutschinder, und deshalb auch allgemein gefürchtet und gehasst.
Als er sich einmal nach wüstem Zechgelage ruhelos in seinem Bette wälzte und keinen Schlaf finden konnte, stand plötzlich um Mitternacht eine weiße weibliche Gestalt mit schwarzen Handschuhen vor seinem Bette. Sie winkte dreimal mit der Hand und verschwand sodann spurlos. Mit vor Angst klappernden Zähnen und schweißgebadet kroch der Ritter und die Decke und blieb so schlaflos bis zum Morgengrauen liegen.
Als es hell wurde, sprang er aus dem Bett, kleidete sich rasch an, eilte zum greisen Burgkaplan und schilderte sein nächtliches Erlebnis. Der fromme Mann, der schon viele Jahre auf der Burg weilte, wusste Bescheid und sagte: „Ritter Reimprecht, was Ihr gesehen habt, war die ‚Weiße Frau’ Eures Geschlechtes. Sie erscheint jedes Mal, wenn einem Eppensteiner schweres Unheil droht. Die schwarzen Handschuhe bedeuten Tod, und da ihr der letzte eures Stammes seid, so hat Euch die Ahnfrau den baldigen Tod verkündet!“ – „Dummes Geschwätz,“ polterte der Ritter. „Ich will noch lange leben und lachte die Ahnfrau aus!“ – Dann schrie er mit lauter Stimme: „Holla, Knappen und Knechte! Sattelt die Pferde und auf zum fröhlichen Jagen! Heute gilt’s den Bären und Wildschweinen!“
Bald darauf sprengte der Ritter mit seinem Gefolge den steilen Burgweg hinab in die weiten Wälder des Tales und in die düsteren Schluchten der Berge. Mit Peitsche und Sporen trieb er sein Pferd mit wildem Ungestüm ins dichteste Gehölz, so dass ihn seine Begleiter bald aus den Augen verloren. Immer weiter stürmte der grimme Jäger in fast ungangbare Wildnis und achtete nicht auf das grause Unwetter, das mit Blitz, Donner und Hagelschlag niederprasselte.
Dort, der gewaltige Keiler, der fliehend sich zu retten suchte, das war die richtige Beute für den wilden Jäger! – Wuchtig geschleudert fuhr der spitze Speer dem Keiler in die Weichen. Er stürzte, raffte sich blitzschnell wieder auf, machte kehrt, und schon fuhren die mächtigen Hauer in die Beine des Pferdes. Hoch bäumte sich das edle Tier, überschlug sich, und ehe sich Reimprecht aufraffen konnte, zerfleischte der wütende, schwer verwundete Keiler den Leib des Ritters, um gleich darauf im Gestrüpp zu verschwinden. Schwer, ja tödlich verletzt lag Reimprecht hilflos im düsteren Walde, weitab von jeder menschlichen Hilfe. Unaufhaltsam rann sein warmes Blut aus der Todeswunde, und die erbleichenden blutleeren Lippen flüsterten: „Ja, die Weiße Frau – sie hat doch …“ Noch ein letzter schwerer Seufzer und – Reimprecht von Eppenstein war nicht mehr.
Erst man nächsten Tage fanden die Knappen den Leichnam ihres Burgherrn und betteten ihn zur ewigen Ruhe. Er war der letzte seines Stammes. Nun war auch die „Weiße Frau“ von Eppenstein erlöst und hat sich seither nimmer gezeigt.












