Ein Baum als Überlebenskünstler
Der Übergang vom Bergwald zur waldfreien Höhenstufe ist eine markante Lebensraumgrenze. Sie wird zu Recht als „Kampfzone“ bezeichnet. In diesem Bereich lebt die Zirbe; höher als alle anderen Baumarten wächst sie in den Inneralpen. Die Zirbe wagt sich in Bereiche vor, in denen andere Gehölze kaum mehr Überlebenschancen haben. Mit ihren Pfahlwurzeln erschließt sie Blockhalden und Rohböden. Die Zirbe gehört somit zu den so genannten Pionierbaumarten. Gerade in diesen hochalpinen Lagen sind die ökologischen Funktionen der Zirbe von herausragender Bedeutung.
Aufgrund ihrer Robustheit spielt sie eine wichtige Rolle im Lawinen- und Erosionsschutz: Die für sie typische, regelmäßige Kandelaberbildung in den Hochlagen deutet auf ihr sehr gutes Heilungsvermögen hin. Dem weit verzweigten Wurzelsystem verdankt die Zirbe ihre relative Sturmfestigkeit: Windwurf tritt daher selten auf. So wie ein Dach das Haus schützt sie als erstes Hindernis für Schnee- und Geröllmassen den Wald und das Tal vor den Folgen extremer Witterungsbedingungen.
Sie trotzt Eis und Kälte, Schneestürmen und überraschenden Wintereinbrüchen. Die Zirbe ist als „Königin der Alpen“ ideal an ihren unwirtlichen Lebensraum angepasst. Charakteristisch für das raue Klima sind die großen Unterschiede zwischen winterlichen und sommerlichen Extremtemperaturen. Die Zirbe ist hervorragend an diesen unwirtlichen Lebensraum angepasst: Als frosthärtester Baum der Alpen kann sie während des Winters bis zu -40 °C ertragen, im Sommer übersteht sie Frosteinbrüche bis -8 °C ohne Schaden. Zudem hält sie extrem tiefe Jahres-Mittel-Temperaturen aus. Eine mittlere Jahrestemperatur um die 0 °C genügt ihr.
Ebenfalls typisch für die Kampfzone sind die kurzen Vegetationsperioden: Die Zirbe benötigt nur 70 frostfreie Tage um zu überleben. Bereits bei Temperaturen um den Gefrierpunkt erzielt sie eine positive Stoffwechselbilanz. Möglich ist dies aufgrund einer außergewöhnlichen Eigenschaft: Die Zirbe kann den Gefrierpunkt, an dem Wasser in ihrem Gewebe einfriert, nach unten verschieben. Durch die Einlagerung von Stärke, Zucker und Salzen in ihren Zellen kann sie bei Außentemperaturen bis zu -4°C Wasser verdampfen.
Autor: DI Stefan Zwettler (Forstabteilung der Landwirtschaftskammer Steiermark)
Die Zirbe aus Sicht der Forstwirtschaft
Vor dem Mittelalter und der landwirtschaftlichen Erschließung der Alpentäler bildeten Zirben einst ausgedehnte Wälder. Erst im 20. Jahrhundert konnte sich der zwischenzeitlich stark verringerte Bestand wieder erholen.
Der dramatische Rückgang der großen Zirbenwälder hatte verschiedene Gründe: Einerseits wurde die Zirbe übernützt durch Brandrodung (um zusätzliches Weideland zu gewinnen) – nachwachsende Zirben wurden geschwendet –, andererseits durch Übernützung für den Bergbau, den Brennholzbedarf von Almen, den Innenausbau von Häusern sowie für die Herstellung von Möbeln und Gerätschaften des täglichen Gebrauchs.
Andererseits ging die Reproduktion der Zirbe durch die Abkühlung rund um die Kleine Eiszeit Mitte des 19. Jahrhunderts stark zurück. Eine Wiederbesiedelung wird durch fehlende Mykhorriza und die Konkurrenzvegetation der Grasflächen erschwert.
Als Mykorrhiza bezeichnet man eine Form der Symbiose von Pilzen und Pflanzen, in der ein Pilz mit dem Feinwurzelsystem einer Pflanze in Kontakt ist. Die Mykorrhizapilze liefern der Pflanze Nährsalze und Wasser und erhalten ihrerseits einen Teil der durch die Photosynthese der (grünen) Pflanzen erzeugten Stoffe. Zugleich verhindern überhöhte Schalenwildbestände vielfach ihr Aufkommen durch Verbiss und Fegeschäden. Selbst die Schäden durch Variantenschilauf in freier Natur dürfen nicht außer Acht gelassen werden.
Heute nimmt der Bestand an Zirben wieder zu. Die Hauptgründe liegen im Rückgang der Weidewirtschaft, wodurch frei werdende Flächen zur Aufforstung zur Verfügung stehen. Diese Flächen dienen dank ihres hohen Interceptionspotentials dem integrierten Schutz im Einzugsbereich von Wildbächen und Lawinen. Unter Interception versteht man, dass ein Teil des Niederschlages von der Vegetation zurück gehalten wird.
In den Zirbenwäldern des gesamten Alpenraumes wächst mehr Holz zu als tatsächlich genützt wird. Nur 15 % des jährlichen Zuwachses an Zirbe werden momentan forstwirtschaftlich genutzt. Waldeigentümer und Forstleute sorgen dafür, dass alte Bäume fachkundig entnommen werden und kräftige Jungbäume nachwachsen. Durch die Nutzung des Zirbenholzes wird die natürliche Verjüngung der Schutzwälder unterstützt.
Fachliche Beratung: DI Luitpold Liechtenstein, Obmann Steiermärkischer Forstverein












